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Ernährung ist keine Privatsache

Interview mit Sarah Wiener
von Dr. med. Jürgen Budde


Deutschland ist Europameister in Sachen Fettleibigkeit. Bis zu 75 Prozent der Männer und über 50 Prozent der Frauen schleppen zu viele Kilos mit sich herum, Ursache für viele Krankheiten wie etwa Diabetes, Bluthochdruck und Arthrose. Und das kostet: Die Betroffenen Lebenszeit und Lebensqualität, den Staat Unsummen, denn 30 Prozent aller Gesundheitskosten sind darauf zurück zu führen. Und das, obwohl wir offensichtlich auch Weltmeister im Diäten sind. Kaum eine Frauenzeitschrift kommt ohne Diättipps aus, Fachanleitungen füllen ganze Bücherregale Wir kennen kaum jemanden, der nicht schon diverse Diätangriffe auf seine Figur ausgeführt hat. Offensichtlich alles nutzlos, wie die aktuellen Zahlen belegen, denn es sind bereits zwei Millionen Kinder zu dick. Alarmiert hat die Bundesregierung einen „Nationalen Aktionsplan“ aufgelegt, der die Deutschen bis 2020 zum Abspecken bringen soll.

Sarah Wiener, eigenwillige und wahrscheinlich prominenteste Köchin Deutschlands hat diesen Plan als „illusorisch“ bezeichnet. Die allein erziehende Mutter eines jetzt 21jährigen Sohnes, die übrigens nie eine Kochlehre gemacht hat, entwickelt ganz eigen Vorstellungen zum Thema Kochen, Diäten und Gesundheit.

 

   

 


Sarah Wiener mit Dr. Jürgen Budde

Budde: Kochen ist „in“. Die ganze Nation sitzt vor dem Fernsehschirm, wenn Sie z. B. bei Kerner mit den anderen Größen Ihres Faches kochen .Ein Quotenhit. Und immer wird gesund gekocht. Kochen wir so gerne, oder ist das nur Unterhaltung?
Sarah Wiener: Das sind alles Unterhaltungssendungen. Das ist wie bei anderen Infotainmentsendungen auch. Man kann etwas lernen, man kann etwas mitnehmen, man kann aber auch rein sich berieseln lassen. Zumal man weiß, dass die Deutschen sehr selten kochen und auch kochen können.
 
Budde: Was glauben Sie, Frau Wiener, ist Dickleibigkeit auch ein Ausdruck von Genussfähigkeit?
Sarah Wiener: Das ist eine Gretchenfrage. Mir fällt es schwer zu sagen: nein. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass auch sehr dicke Menschen große Feinschmecker sein können. Ich glaube aber, dass Dickleibigkeit in den allermeisten Fällen nicht auf den puren Genuss zurückgeht, denn Genuss bedeutet für mich auch immer Disziplin und Verzicht.
 
Budde: Woran liegt es, dass wir immer dicker werden?
Sarah Wiener: Ich glaube, dass ein Großteil unserer Dickleibigkeit, an unseren Krankheiten, an Allergien und Diabetes auf das Konto der Fertignahrungsmittelindustrie geht. Dazu kommen im Vergleich zu dem Leben vor vierzig Jahren der alltägliche Stress, die Langeweile, die vielen Frustrationen, der Bewegungsmangel. Und dann brauchen wir Trost, indem wir uns etwas zwischen die Zähne schieben.
 
Budde: Was halten Sie von Diäten? Sind sie der richtige Weg aus der verfahrenen Situation?
Sarah Wiener: Sicher nicht, nein. Ich bin überhaupt kein Freund von einseitigen Diäten zum Abnehmen. Es sei denn, man sagt, Diäten heißt jetzt: Friss einmal ein bisschen weniger. Wenn man nicht gerade krank ist und sich an bestimmte Ernährungsformen halten muss, ist das absoluter Schwachsinn. Der Körper braucht bestimmte Eiweiße, Kohlehydrate, Fette und, und, und. Wenn er die nicht bekommt wird er auf Dauer rebellieren und krank. Deswegen haben diese Diäten auch in aller Regel keinen Erfolg. Das weiß doch jeder. Und trotzdem fallen wir immer wieder darauf herein, wie Schafe, die dumm ihrem Hirten hinterher laufen.
 
Budde: Das Übel beginnt ja bereits in der Kindheit. Zwei Millionen Kinder sind zu dick. Sie haben als alleinziehende Mutter ihren Sohn erzogen. Wie sind sie dabei mit diesem Thema umgegangen
Sarah Wiener: Das Essen wird nicht mehr zelebriert. Es gibt häufig kein gemeinsames Frühstück, Mittagessen und Abendessen, sondern wir stecken uns permanent zwischen die Zähne. Essen ist ja in unserer Wohlstandsgesellschaft immer verfügbar. Mit meinem Sohn hatte ich nie die klassischen Probleme, weil es das so einfach nicht gab. “Ich hätt` jetzt aber gerne..“ gibt`s bei mir nicht. Man muss konsequent sein. Und wenn das Kind dann nicht essen will, dann sollte man es lassen. Es verhungert so schnell nicht. Das bedeutet aber, dass man sich Zeit nimmt und Energie investiert in eine Lebensform, die sich heutzutage in Auflösung befindet..
 
Budde: Darf sich der Staat in die Ernährung seiner Bürger einmischen?
Sarah Wiener: Er muss es sogar tun. Wir haben ein Verbraucherschutzgesetz, das Hohn schimpft. Auf den Etiketten der Lebensmittel können wir nicht einmal die wichtigsten Inhaltsstoffe, Kalorien, Lebensmittelzusatzstoffe realistisch erkennen. Wir haben einen Staat, der immer mehr Turnstunden abschafft und immer mehr kinderfeindliche Werbung zulässt. Also muss der Staat auch in die Pflicht genommen werden bei gesunder und schmackhafter Ernährung.
 
Budde: Was macht den Ansatz der Bundesregierung „illusorisch“, wie Sie sagen? Was kann man besser machen?
Sarah Wiener: Immer wenn man etwas besser machen will ist das lobenswert und ich habe auch nicht die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Nur zu erwarten, dass Kinder mit ihren Eltern an irgendwelchen Programmen teilnehmen und irgendwo hingehen um etwas übers Essen zu lernen ist absolut illusorisch. Eltern sind heute überfordert, vernachlässigen oft ihre Kinder, essen selber Mist. Von denen kann ich doch nicht erwarten, dass sie jetzt an Programmen „für ein besseres Essen ihrer Kinder“ teilnehmen Ich würde dafür plädieren, bereits in den Kindergärten mit Geschmacks- und Kochkursen anzufangen. Die Kinder müssen früh an die Zubereitung des Essens herangeführt werden. Das sollte nicht indoktrinär sein, man macht das einfach. Man sollte Kinder so früh wie möglich teilhaben lassen. Da gibt es tausend Wege. Man könnte auch z. B. Kräutergärten in Schulen anlegen, Ernteferien auf dem Biobauernhof einführen, Frühstücksrunden, wo Kinder für Kinder kochen, etablieren. Der Fantasie ist hier kein Ende zu setzen. Auf jeden Fall muss das alles organisch zum Leben dazu gehören. Man muss die Deklarationspflichten für Lebensmittel streng gestalten oder die Steuern auf Fertignahrungsmittel erhöhen. Vor allem sollte man die ökologische Landwirtschaft fördern, denn das kommt nicht nur uns zu Gute, sondern auch unseren Kindern, Enkeln und unserer gesamten Natur. Denn: Das was wir essen sind wir.
 

 

   
   

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